Donnerstag, 25. April 2019

Verzeihen, Vergeben, Versöhnen



In meinem heutigen Beitrag geht es darum zu zeigen, wie man mit negativen Lebensthemen umgehen kann - so oder anders.



Alle Menschen werden im Laufe ihres Lebens von Schicksalsschlägen getroffen; Menschen werden verlassen, verletzt, beleidigt, ausgeschlossen, verleugnet; sie werden ungerecht behandelt, benachteiligt, übergangen.


Solche negative Lebensereignisse werden gefolgt von Trauer, Verzweiflung, Bitterkeit, Wut, Groll, Lust auf Rache, Hass, Enttäuschung.
Diese negativen Gefühle und die damit verbundenen negativen Gedanken sind nichts Böses, sie sind normal, zumindest für eine bestimmte Zeit.

Dazu das konkrete und aktuelle Beispiel einer jungen Frau, die von einem Lastwagen überrollt wurde.


Man kann diese negativen Gefühle nun aber pflegen und horten - womöglich sein ganzes Leben lang - man kann fortwährend alte Geschichten auftischen, vernarbte Wunden aufreissen und verjährte Vorwürfe aufwärmen.

Man kann aber auch einen anderen Weg gehen und verzeihen. Die "christlich-religiöse Sprache" verwendet statt Verzeihen den Begriff Vergeben. Verzeihen und Vergeben sind Synonyme.

Ob ein Mensch diesen oder den anderen Weg gehen kann, hängt davon ab, ob ihm bestimmte Laster geistige Blockaden bereiten. Wem Neid, Missgunst, Eifersucht, Gleichgültigkeit, Unbeständigkeit, Stolz, Eigennutz, Ehrgeiz, Masslosigkeit, Hochmut oder Geiz  zu schaffen machen, wird es schwer haben, die eigenen negativen Lebensthemen mit Vernunft anzugehen.
Vernunft braucht (intellektuellen) Mut, Zeit und Offenheit und kein unwilkürliches Klammern an Untugenden.

PS: Obige Liste der Untugenden erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.


Ich zitiere aus oben erwähntem Artikel: 

"Möglicherweise würde Beate Flanz einen leichteren Umgang finden mit ihrem Schicksal, trüge sie ­einen Glauben in sich, könnte sie alles auf Gott schieben und auf höhere Mächte und daraus neue Kraft ziehen. Dankbar sein, dass sie es doch geschafft hat."


Das scheint mir doch eine recht eigenartige Vorstellung über vernünftiges Umgehen mit negativen Lebensthemen.

Das Abschieben ist in diesem Zusammenhang immer kontraproduktiv - ob auf Gott, andere höhere Mächte oder sonst etwas. Einen Glauben in sich tragen? Ja, warum nicht, wenn dieser die Einsicht fördert, dass das Streben nach Tugenden sinnvoll und wichtig ist, vor allem auch deswegen, damit Negatives vernünftig verarbeitet werden kann.



Vergebung ist der freiwilige Verzicht auf Wut, Groll und Hass und vor allem auf Rache und Vergeltung. Vergeben ist eine kognitive und vor allem aktive Angelegenheit.
Sie lässt das Leid los, vergisst es aber nicht.

Ich zitiere als konkretes Beispiel die Eltern von Mirko, jenem Jungen, der im September 2010 ermordert wurde.



"Mein Mann und ich aber wollen nicht hassen. Rachegedanken sind Gefühle, die diejenigen verändern, die sie in sich tragen. Und zwar nicht zum Guten. Wir wollen den Wahnsinn der Tat nicht noch dadurch belohnen, dass Reinhard und ich in die Gefahr geraten, uns zu vergessen und Gleiches mit Gleichem vergelten zu wollen. Wir wollen unsere Herzen nicht von diesen negativen Gefühlen vergiften lassen."

Eine Aufforderung zum Vergeben findet sich im "Vaterunser".

"Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.


Inhaltlich das gleiche besagt das Gesetz von der ausgleichenden Gerechtigkeit, auch Karma-Gesetz genannt: Wer vergibt, dem wird vergeben und wer verzeiht, dem wird verziehen.


Mit dem Vergeben oder Verzeihen ist noch nicht gesagt, wie die Beziehung zwischen Frau und Lastwagenfahrer, Mirkos Eltern und Kindsmörder, Gott und Sünder weitergeht.

Der nächste Schritt wäre die Versöhnung, die in vielen Fällen Sinn macht - aber nicht in allen.

Auf vielen Eso- und Psychoseiten wird der Akt der Vergebung mit jenem der Versöhnung gleichgesetzt oder es wird sonst wie herumgeschwurbelt.


Dazu ein  Beispiel:


"Vergebung heisst nicht das JA zu einer vergangenen Schuld, wohl aber das JA zu einem Menschen mit seiner vergangenen Schuld."

Mirkos Eltern müssten folglich JA sagen zum  Mörder ihres Kindes? Das ist doch widersinnig, oder?

"Denn sie wissen nicht, was sie tun." heisst nicht, das man JA sagen muss zu Pontius Pilatus.

Es kann nicht sein, wie schon Flaubert meinte, dass "die Schule des Vergebens dahin führt, keinen Unterschied zwischen einem Schurken und einem ehrenhaften Menschen zu machen."

Das (kognitive) Vergeben unterscheidet sich vom (emotionalen) Versöhnen.

Die Versöhnung ist jener Schritt, der zum Vergessen führen kann.
Er erneuert die gegenseitige Liebe und Barmherzigkeit zwischen "Opfer" und "Täter".  

Versöhnung macht in jenen Fällen Sinn, in denen die Beziehung weitergeführt werden will oder sollte.

PS: Zwischen Mirkos Eltern und dem Kindsmörder, zwischen der jungen Frau und dem Lastwagenfahrer gab es vorher keine Beziehung, zwischen Petrus und Jesus schon.

Versöhnung kommt ohne Reue und ohne Bitte um Verzeihung nicht aus.
Auch muss die Begegnung zwischen den beiden Parteien auf Augenhöhe möglich sein.


Versöhnung ist eine Steigerung gegenüber dem Beziehungs-Zustand vor dem geschehenen Unrecht.

PS: Die Lösung für bestimmte Formen von Depressionen könnte Vergebung und Versöhnung sein.

Beispiel: Ich vergebe mir selbst und versöhne mich mit mir, indem ich Liebe und Empathie zwischen "Opfer" und "Täter", welche beide ICH sind, entwickle.


Nun gibt es aber auch Fälle, in denen Versöhnung keinen Sinn macht, d.h. kein Thema sein muss. Wenn Versöhnung ausbleibt, ist das noch lange keine "Sünde".


Ich glaube deshalb, dass Gott - falls es ihn dann gäbe - den "Todsündern" zwar vergeben würde, aber nur gewillt wäre, sich mit ihnen zu versöhnen, falls sie aufrichtige Reue zeigen und um Verzeihung bitten würden und bereit wären, den radikalen Weg der Liebe und der Barmherzigkeit zu gehen.



Ich schliesse meinen heutigen Beitrag mit einem Zitat der deutschen Schriftstellerin Fanny Lewald (1811 - 1889):

"Versöhnung setzt gänzliches Vergessen des geschehenen Unrechts voraus, und dies Vergessen erfordert Liebe. Liebe vergibt und vergisst, weil sie zu lieben verlangt."


Mit lieben Grüssen
Barbara










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